Von Handicap zu Handicap: Ein exklusives Interview mit Michel Kubig

Quelle: Privat.

Michel Kubig ist 30 Jahre alt und sitzt im Rollstuhl. Etwas, was viele Menschen verzweifeln lassen würde. Doch nicht Michel. In diesem exklusiven Interview erzählt uns Michel Kubig seine Geschichte und stellt sein Projekt vor. Ein Projekt, mit dem er Menschen helfen will, die ebenfalls ein Handicap haben.

Hallo Michel. Du bist nicht wie viele andere durch einen Unfall zu deinem Handicap gekommen, sondern wurdest damit geboren. Wie war es für dich, damit umzugehen?

Michel: Eigentlich war es nie ein Thema für mich, damit großartig umzugehen. Denn ich bin – wie du schon gesagt hast – damit geboren worden und kenne es eben nicht anders. Heutzutage bin ich sogar sehr dankbar dafür, im Rollstuhl zu sitzen. Denn ohne den Rollstuhl wäre ich nicht die Person, die ich heute bin und könnte den Beruf, den ich habe, nicht ausüben.

Du hast relativ lange mit deiner Mutter zusammen gelebt und bist mit 27 Jahren ausgezogen. Wie war es für dich, mit 27 Jahren das erste Mal mit deinem Handicap zu leben?

Ich muss dazu sagen, dass ich nicht freiwillig ausgezogen bin. Der Grund für den Auszug war ein Darmriss meiner Mutter, weswegen sie die Betreuung nicht mehr leisten, konnte da sie zu dem Zeitpunkt selbst in Lebensgefahr schwebte.

Und daraufhin bist du für dich selbst auf den Entschluss gekommen, dass du ausziehen musst?

Genau. Es gab keine Möglichkeit, mich zu Hause zu betreuen, da meine Mutter alleinerziehend war und meine Zwillingsschwester zwei Kinder besitzt. Und meine große Schwester hat es sich berufsbedingt einfach nicht leisten können. Ein Pflegeheim oder eine betreute Einrichtung kamen für mich nicht infrage, weswegen ich mich dazu entschieden habe, mit großem Aufwand ein eigen- und selbstständiges Leben zu führen.

Für den Fall der Fälle habe ich mit der Zeit ein eigenes Wohnkonzept ausgearbeitet und Zeichnungen und Notizen dazu angefertigt. Dabei habe ich mir vorgestellt, wie mein Leben und meine Wohnung aussehen könnten und mir die Frage gestellt: „Was brauche ich wirklich, um selbstständig leben zu können?“. So habe ich mich auf einen Fall, wie er tatsächlich eingetreten ist, vorbereitet. 

Für dein Vorhaben brauchtest du ja Assistenten, weil du wusstest, dass du dafür Hilfe benötigst. Daraufhin hast du die Hilfe von elf solcher Assistenten bekommen. Wie hast du diese gefunden?

Ich habe verschiedene staatliche Kostenträger in ganz Deutschland, wie beispielsweise den Landeswohlfahrtsverband, zur Unterstützung. Zu dem Zeitpunkt habe ich einen „normalen“ bürgerlichen Beruf ausgeübt und war bei der Lebenshilfe Gießen in der Verwaltung tätig. So kannte ich natürlich schon verschiedene Kostenträger und habe dann geschaut, wer für mich infrage kommt und wie ich die Assistenz zusammenstellen kann. Daraufhin habe ich ein Kostenkonzept an den Landeswohlfahrtsverband geschrieben und habe somit die Finanzierung der Assistenten über die Eingliederungshilfen ermöglicht. Über verschiedene Medien wie Radio, die Presse usw. warb ich für Assistenten, die ich über diese auch gefunden habe.

Du unternimmst auch so viel mit deinen Assistenten. Wobei unterstützen sie dich denn generell?

Meine Assistenten unterstützen mich beispielsweise bei Freizeitaktivitäten und Ausflügen. Aber auch Hilfe im Alltag wie beim Anziehen, Waschen und Duschen erhalte ich von ihnen. Auch wenn ich ins Auto steigen möchte, muss ich hinein und heraus gehoben werden. Des Weiteren helfen sie mir bei verschiedensten Terminen, die ich wahrnehme.

Würdest du sagen, dass du durch die Aktivitäten, die du mit deinen Assistenten erlebst, inzwischen mit ihnen befreundet bist?

Ich glaube, da muss man unterscheiden. Ich würde nicht direkt Freunde sagen, da man sich eben nicht mit jedem Assistenten gleich gut versteht. Der Assistent, der hier gerade zu sehen war (Anm. der Redaktion: der Assistent war bei Aufnahme des Interviews zu sehen), ist mein Lieblingsassistent. Er ist immer und jederzeit zur Stelle, eine richtige Freundschaft ist dies jedoch nicht wirklich. Meine engen Freunde kann ich an einer Hand abzählen und diese kennen mich so, wie ich bin.

Du hast gesagt, dass du den Plan für deine Assistenten selbstständig erarbeitet und auch die Anträge selbst erstellt hast. War es schwierig, von der Krankenkasse genehmigt zu bekommen?

Wie bereits erwähnt unterstützt mich ein staatlicher Kostenträger, weswegen die Krankenkasse damit nichts zu tun hat. Die Krankenkasse ist lediglich für den Pflegedienst zuständig, der zusätzlich neben den Assistenten im Alltag mithilft. Unter der Woche kommt der Pflegedienst morgens und am Wochenende übernehmen dann die Assistenten. Zudem kümmern sie sich um die Hauswirtschaft und bieten eine körperliche Unterstützung. Das funktioniert ganz gut.

Sicherlich war es für dich selbst ein großer Fortschritt, plötzlich selbstständig und gewissermaßen unabhängig wohnen zu können, oder nicht?

Auf jeden Fall. Als ich damit anfing, wollte ich dies auch beruflich machen. So ist es dann schnell zu meinem Projekt „Von Handicap zu Handicap“ gekommen. Ich wollte mit etwas arbeiten und gleichzeitig etwas weitergeben, was ich selbst erlebt habe. Gute sowie schlechte Erfahrungen. So fing es dann an, dass ich Öffentlichkeitsarbeiten durch die Medien leistete. Mittlerweile berate ich Menschen in ganz Deutschland, die genau so wie ich ein selbstständiges Leben führen wollen. 

Eine super Sache! Im Jahr 2010 warst du schon sehr begeistert dazu, Menschen zu helfen und warst zudem unter dem Namen „Michel Nr. 1“ als Schlagersänger bekannt. Wie kam es denn dazu?

Ich liebe Musik. Und ich liebe es, meine Gefühle durch die Musik zu übermitteln. Meiner Meinung nach ist Schlager die Musikrichtung, mit der man am Gefühle am ehesten in Verbindung bringt. Emotional kann man viel damit verbinden und verarbeiten. Ich wollte etwas Soziales tun, das am liebsten mit Musik und habe sogar einen Teil der Einnahmen meiner Gagen an die Deutsche Kinderkrebshilfe gespendet.

Du machst auch deutlich mehr Dinge, als „nur“ auf Veranstaltungen zu gehen, sondern bist ebenso dabei, ein Buch zu schreiben. Wie sieht’s damit aus?

Ich kenne einen Journalisten, der den Blog „Mittelhessen Blog“ besitzt, was eine relativ große Internetplattform ist. Dieser Journalist, Herr von Gallera, unterstützt mich beim Schreiben meines Buches. Gemeinsam haben wir Anträge auf Kostenübernahmen an verschiedene Stiftungen gestellt und warten jetzt noch auf eine Rückmeldung. Und dann kann es auch schon losgehen, denn es wird etwas Besonderes werden.

Denn ich möchte nicht einfach nur ein Buch schreiben, sondern ich möchte einen Ratgeber für Menschen mit Handicap entwerfen, in dem ich verschiedene Aspekte durchleuchte. Darin behandele ich die verschiedensten Fragen: Wie ist das Leben mit Assistenz? Wie komme ich mit meinem Handicap im Leben zurecht? Wo gibt es Schwierigkeiten im Alltag? In welchen Momenten wird mir mein Handicap explizit bewusst und wann spricht man überhaupt von einem Handicap?

Als du dein Projekt „Von Handicap zu Handicap“ entwickelt hast und auf die Idee kamst, ein Buch zu schreiben, war es da schwierig für dich, den ganzen Aufwand drum herum zu bewältigen und die breite Masse an Leuten zu erreichen?

Eigentlich wollten wir mit dem Projekt ein kleines regionales Hilfsangebot für Menschen im Rollstuhl anbieten. Schließlich sind wir mit dem größten Radiosender Hessens, „Hit Radio FFH“, in Kontakt getreten, woraufhin ich an einem Sonntagabend in der Radioshow das Projekt zwei Mal in einer Videokonferenz vorstellen konnte. Automatisch ist das Ganze schnell ins Rollen gekommen und gewann extrem schnell an Reichweite und positiver Resonanz. 

Nicht lange und mein Vorhaben wurde überregional bekannt. Fernsehsender wie RTL, VOX und der Hessische Rundfunk wollten Näheres erfahren und besuchten uns mehrmals. So sind wir über Nacht gewachsen. Das konnte ich zunächst gar nicht fassen. Aus diesem Grund muss ich meine Anfragen nicht mehr selbst machen und nicht mehr auf Menschen zugehen, um gehört zu werden, sondern sie kommen auf mich zu. Und der Bedarf ist riesig, denn überall auf der Welt gibt es Menschen mit Handicap. 

Außerdem weiß ich, dass es viele Menschen gibt, die durch ihr Handicap kleingehalten werden und sich Dinge wie „Das kannst du nicht, denn selbstständig zu leben ist schwierig!“ anhören müssen. Ich will mit dem Projekt zeigen, dass jeder alles erreichen kann, wenn man an sich selbst glaubt — unabhängig davon, wer man ist oder wie man aussieht! Ich sage es gerne immer wieder: Ich bin stolz auf das, was der liebe Gott mir mitgegeben hat. Das sind drei Dinge: Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und eine große Klappe. Denn auch die braucht man in dieser Welt als Mensch mit Handicap zu bestehen. Man darf sich nicht unterkriegen lassen.

Wie kann jemand, der gehandicapt ist, dein Projekt am besten für sich selbst nutzen und umsetzen?

Jeder kann mir schreiben und sein Anliegen schildern. Infos wie die Art des Handicaps oder Ziele, die man hat und was man erreichen möchte, sind dabei immer wichtig. Daraufhin vereinbaren wir einen Termin für ein Erstgespräch einer Beratung und dann schaut man, wie die ersten Schritte aussehen. Je nach Situation werden dann Anträge auf bestimmte Hilfeleistungen gestellt, dass beispielsweise die Assistenz oder bei Bedarf der Pflegedienst genehmigt werden kann. Außerdem überprüfen wir, ob der Betroffene eine eigene Wohnung oder lediglich die Assistenz benötigt. Wenn alles beantragt ist, kann man diese Schritte dann gemeinsam bewältigen.

So beraten wir die Personen und erklären, worauf sie im Vorstellungsgespräch achten müssen und was die Assistenten mitbringen sollten. Ist dann alles abgeklärt, überprüft ein Bedarfsermittler des jeweiligen Kostenträgers alle zwei Jahre, wie der Bedarf weiterhin aussieht und ob sich etwas in der Zeit verändert hat. Natürlich kann ich nicht mit allen Klienten persönlichen Kontakt pflegen, weil ich mittlerweile zu viel unterwegs bin. Aber dafür habe ich Unterstützung von Stiftungen wie der Lebenshilfe, der EUTB (Anm. der Redaktion: Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung), die das Projekt zusätzlich tragen. So sind die Hilfebedürftigen auch nicht alleine. Denn mir ist es wichtig, wie es den Leuten geht und was sie brauchen.

Weißt du, wie viele Leute mit deinem Projekt in Verbindung gekommen sind, die du damit helfen konntest?

Nein, das kann ich tatsächlich nicht genau sagen – denn mittlerweile agieren wir in ganz Deutschland. Zu den Anfängen, ohne Unterstützung der digitalen Medien, sind wir mit schätzungsweise 65 Klienten gestartet. Natürlich haben wir immer noch einige Klienten, bei denen wir noch nicht am Abschluss sind. Dennoch sind mir bei allen zumindest so weit, dass man sagen könnte, sie sind zum Führen eines Lebens ihrer Vorstellungen in der Lage. Assistenten findet man in den meisten Fällen nicht sofort, denn oftmals sind es aus Kostengründen junge Leute, die sich dessen Verantwortung eventuell noch nicht so bewusst sind. Meistens durchlebt man einen längeren Prozess, bis alles so passt, wie man’s haben will. Wie schon erwähnt, habe ich selbst zwei Jahre für das Entwickeln des Konzeptes gebraucht. 

Ein Jahr davon habe ich wirklich nur recherchiert und habe in dieser Zeit teilweise schmerzhafte Erfahrungen machen müssen, die psychisch sehr belastend waren. Aufgeben war aber nie eine Option. Denn ich verfolge den Ansatz: Jeder sollte so sein können, wie er ist und das Recht haben zu leben, wie er möchte. Heute bin ich beispielsweise das erste Mal völlig ungeschminkt im öffentlichen Rahmen aufgetreten, weil ich der Meinung bin, dass jeder Mensch zu dem stehen soll, wie er ist und wie man geschaffen wurde. Das ist nämlich der Mensch, der einen ausmacht – und dafür braucht man weder eine Fassade, noch muss man sich verstellen, um glücklich zu sein.

Das sind wirklich bewegende Worte. Hast du neben deinem Programm „Von Handicap zu Handicap“, deinem Buch oder deinen Auftritten in der Öffentlichkeit noch etwas anderes, das du gerne machen würdest?

Mein Ziel ist es, dass es mehr Menschen gibt, die aus Pflegeheimen austreten und so selbstbewusst sind, dass sie sich ein selbstständiges Leben zutrauen. Ich möchte wirklich, dass wir ganz viele Menschen damit erreichen und dass vielleicht sogar mehr Menschen mit Handicap trauen, mit einer Idee in die Öffentlichkeit zu gehen, die sie umsetzen möchten. Mein Wunsch wäre es, dass mehr solcher Menschen mit ihren Belangen, Bedürfnissen und Wünschen erhört werden. Wenn man genau drauf achtet, kann man beobachten, dass viele Menschen im Rollstuhl Schwierigkeiten haben, in der Öffentlichkeit klar zu kommen, wie beispielsweise auf öffentlichen Toiletten oder in Bars. Auch dort sollte man für Gleichberechtigung und gleichen Bedingungen für jeden sorgen.

Da gebe ich dir vollkommen recht! Ich persönlich hatte auch einen Bruder, der im Rollstuhl saß, und bin ebenso der Überzeugung, dass er viel mehr aus sich hätte herauskommen können, wenn er die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Und gerade in dieser Hinsicht ist dein Programm super und unterstützt die Leute dabei, das aus sich machen zu können, was möglich ist. 

Genau. Wie gesagt habe ich das Glück, dass ich mittlerweile viele Prominente kennenlernen durfte. Dieses Projekt ist nämlich nicht mein einziges Vorhaben. Vor Corona erhielt ich eine Anfrage von einem Herrn William Balter, der mit Dieter Bohlen zusammen gearbeitet hat. Dieser veranstaltet Talentshows in ganz Deutschland, bei denen ich einmal in Gießen dabei sein durfte. Dies war eine tolle Erfahrung, bei der ich verschiedene Popstars und Teilnehmer von „Let’s Dance“ kennenlernen konnte.

Bist du mittlerweile denn stolz auf dich und auf das, was du mit deinem Projekt bis jetzt erreichen konntest?

Stolz ist vielleicht nicht das richtige Wort, denn ich habe das Projekt nämlich nicht gemacht, um berühmt zu werden. Dass ich dadurch bekannt wurde, hat sich nun mal einfach ergeben, jedoch bin ich sehr glücklich darüber. Ich bin glücklich, dass ich es schaffte, die Menschen von Heimen oder festen Strukturen wegzuholen und zu sagen: „Du lebst so, wie du leben willst – und das ist gut!“ Also würde ich fast sagen: Stolz bin ich nicht, denn dann wäre ich hauptsächlich glücklich über den Erfolg. Doch mir geht es einfach nur um die Menschen. 

Wir sind wirklich beeindruckt von dem, was du alles leistest, um den Menschen unter die Arme zu greifen und zu helfen. Wir konnten einiges von dir lernen und hoffen, in der Zukunft noch mehr von dir sehen zu können.

Das hoffe ich auch, und da wird noch eine ganze Menge kommen. Es soll einen Podcast geben, darauf bin ich sehr gespannt. Abschließend möchte ich noch etwas sagen: Ich möchte mich herzlich bei dem Team, meinen Kostenträgern und bei den Menschen, die mich unterstützen, bedanken! Und auch einen großen Dank an die Menschen, die meine Öffentlichkeitsarbeit vorantragen und dies alles ermöglichen. Ebenso ein Danke an meine Klienten — ich denke, es ist einfach der richtige Zeitpunkt, um ein Dank auszusprechen!

Wir haben dir zu danken! Du bist ein unglaublicher Mensch, und du hast etwas geschafft, was viele Menschen auch ohne Handicap noch nicht geschafft haben. Vielen Dank für das Interview und auf ein Wiedersehen in der Zukunft! 

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