Attributionsstile: Die Wahrnehmung mit einer Depression

Geht es um die Frage nach dem Ursprung von Depressionen, gibt es zahlreiche Erklärungsansätze. Einer dieser Ansätze bezieht sich darauf, in welcher Weise Menschen mit einer Depression Erfolge und Misserfolge bewerten.

Attributionsstile

Die Wahrscheinlichkeit im Leben mindestens eine depressive Phase zu erleiden liegt bei 20 Prozent. In den letzten Jahrzehnten gewann diese psychische Störung gesellschaftlich immer mehr an Bedeutung. Die Ernsthaftigkeit um ihre Auswirkungen wurde mehr und mehr thematisiert, um ein generisches Verständnis für ihren Impact zu schaffen.

Aufgrund ihrer Komplexität gibt es viele verschiedenen Sichtweisen über ihren Ursprung und ihre Funktionalität. Eine Theorie beschäftigt sich mit den Attributionsstilen, die bei einer Depression vorherrschend sind. Mit Attribution ist gemeint, wie wir Menschen bestimmte Situationen bewerten. Was nun sehr konsistent auffällt ist, dass Menschen, die an einer Depression leiden, Misserfolge internal-global-stabil attribuieren und Erfolge external-lokal-instabil. Was genau damit gemeint ist, wird im weiteren Verlauf klarer.

Internal oder external

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Bei der Bewertung eines Ereignisses tendieren wir einerseits zwischen einer internalen und externalen Attribution. Man stelle sich vor, die Noten der vor zwei Wochen geschriebenen Matheklausur werden bekannt gegeben. Paula und Simon haben beide jeweils die Note mangelhaft bekommen.

Simon bewertet das Ereignis eher internal. Das heißt, auf der Suche nach dem Ursprung der schlechten Note macht er sich selbst dafür verantwortlich. Ein Gedanke, der damit verbunden ist, könnte folgender sein: „Ich bin einfach nicht gut genug für Mathe“.

Paula hingegen tendiert dazu, das Ereignis external zu bewerten. Das heißt, sie sucht nach äußeren Umständen, die ihre schlechte Note gefördert haben. Sie könnte in dieser Situation zum Beispiel denken, dass der Lehrer seine Klausurvorbereitung verbessern sollte.

Die Qualität des Ereignisses ändert die Wirkungsweise der Attribution dabei nicht. Auch bei einer guten Note hieße eine internale Bewertung, den Grund bei sich selbst zu identifizieren und external eben umgekehrt.

Global oder lokal

Die schlechte Mathenote kann zudem auch global oder lokal bewertet werden. Simon attribuiert die Note in unserem Beispiel global. Bei diesem Bewertungsstil generalisiert er die schlechte Note und wird wahrscheinlich denken, dass folgende Klausuren (auch in anderen Fächern) ebenso schlecht ausfallen werden.

Paula sieht das Problem mit einer lokalen Attribution nur auf diese eine spezifische Prüfung bezogen. Hinsichtlich weiterer Klausuren wird sie wahrscheinlich zuversichtlicher sein als Simon.

Stabil oder instabil

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Simon bewertet die misslungene Klausur zudem stabil. Das heißt, die schlechten Leistungen wird er als gegeben und unveränderbar ansehen. Auf eine Verbesserung, egal woher herbeigeführt, hat er keinen Einfluss.

Im Kontrast dazu denkt Paula bei einer instabilen Attribution, dass sie ihre Leistungen durch intensiveres Lernen verändern kann oder dass in der nächsten Prüfung nicht so schwierige Fragen gestellt werden und sich dadurch ihre Leistung verbessert.

Die Komposition macht den Unterschied

Die drei vorgestellten Dimensionen stehen nun nie für sich alleine, sondern sind immer auf irgendeine Art und Weise miteinander verbunden. Eine Bewertung kann in der einen Situation internal-lokal-instabil sein, in der nächsten internal-lokal-stabil oder auch external-global-instabil. Alle erdenkbaren Kombinationen sind möglich. Das Attribuieren alleine gehört nicht nur zur Depression, sondern liegt uns Menschen zugrunde. Wir bewerten das, was uns passiert, ständig auf Grundlage dieser drei Dimensionen.

Der depressive Charakter zeichnet sich nun dadurch aus, dass er Misserfolge konstant als internal-global-instabil attribuiert. Bezüglich einer schlechten Klausur würde sich das kenntlich machen in einem „Ich bin zu schlecht“ (internal), „Auch für die anderen Fächer bin ich zu schlecht“ (global) und „Ich werde immer schlechte Noten schreiben“ (stabil).

Erfolge werden umgekehrt bewertet, also external-lokal-instabil. Eine sehr gute Note in einer Matheklausur wäre dann begleitet von Gedanken wie beispielsweise: „Der Lehrer hat uns ja gesagt auf welche Fragen wir uns einstellen sollen“ (external), „Ich hatte jetzt nur in dieser Klausur Glück“ (lokal) und „Das kann beim nächsten Mal wieder ganz anders aussehen“ (instabil). Es ist irrelevant, ob in dieser Situation wirklich Glück im Spiel war oder nicht. Entscheidend ist, dass die Person nicht in der Lage ist, in Betracht zu ziehen, dass die eigene Fähigkeit zum Erfolg beigetragen hat.

Es muss nicht zwangsläufig eine Depression sein

Foto von Juan Pablo Serrano Arenas von Pexels

Es gibt also zahlreiche Möglichkeiten, die Dinge, die uns im Leben widerfahren zu bewerten. Eine Depression äußert sich unter anderem darin, dass diese Bewertungen mit strenger Konsistenz pessimistisch ausfallen. Das heißt allerdings nicht, dass jeder, der Ereignisse so attribuiert wie beschrieben, direkt depressiv ist. Nur fällt auf, dass die vorgestellten Denkmuster sehr häufig mit einer Depression in Verbindung auftreten.