Der Rückschaufehler: Im Rückblick ergibt alles Sinn

Wir Menschen mögen eine vorhersehbare Welt. Wenn wir etwas, das bereits geschehen ist betrachten, so scheint es, dass wir sehr gut darin sind, dieses Geschehnis vorherzusehen. Doch wie gut sind wir tatsächlich darin? Sind unsere Prognosen wirklich immer so akkurat und präzise, oder verfallen wir hier einem Denkfehler, der uns mehr zu glauben lässt als wir wirklich wissen?

„Na, das war doch völlig klar!“

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Menschen tendieren dazu, ihre Prognosen bezüglich eins Geschehnisses im Nachhinein an dessen Ausgang anzupassen. Der Fachbegriff für diese Verzerrung im Denken wird auch Rückschaufehler (englisch: „hindsight bias“) genannt. Ein Beispiel: Die Präsidentschaftswahl in den USA aus dem Jahre 2016.

Wie gewiss war es, bevor die Wahlergebnisse final bekannt wurden, dass Donald Trump der neue Präsident wird? Selbst die Umfragewerte fielen zugunsten Clintons aus. Zudem war Trump aufgrund seines bisherigen beruflichen Werdegangs ein eher ungewöhnlicher Präsidentschaftskandidat. Nach seinem Wahlsieg hörte man viele Menschen sagen: „Na, das war doch völlig klar!“, doch vor Bekanntgabe der Ergebnisse wären die Urteile diesbezüglich mit Sicherheit weniger eindeutig gewesen. Wäre die Wahl zugunsten von Hilary Clinton ausgefallen, so würde man jetzt, im Rückblick auf die Wahl, logische Begründungen für ihren theoretischen Wahlsieg finden.

Es wird fleißig geforscht

Wissenschaftler untersuchen den Rückschaufehler bereits seit Jahren und Jahrzehnten. So sollten beispielsweise Versuchsteilnehmer in zahlreichen Studien ein Geschehnis auf die Wahrscheinlichkeit seines Eintretens bewerten, ehe sie im Nachhinein (also nach Eintritt oder Nicht-Eintritt des Geschehnisses) gebeten wurden, ihre Prognosen zu rekonstruieren. Die Ergebnisse dieser Studien waren eindeutig: Die Versuchspersonen überschätzten die Wahrscheinlichkeit, die sie dem Ereignis früher zugeschrieben hatten, wenn dieses eintraf. Trat das potenzielle Ereignis nicht ein, so geschah das Gegenteil und die Wahrscheinlichkeit wurde fälschlicherweise unterschätzt.

Bildquelle: Diagramm von der Pipeline-Redaktion.

Auch im Alltag lauert der Rückschaufehler

Auch die selbstverständlichsten und noch so alltäglichen Urteile sind nicht vor dem Rückschaufehler gefeit. Stell dir vor, du sitzt mit deinen Freunden zusammen auf dem Sofa und ihr schaut euch gemeinsam eure Lieblingsserie an. Plötzlich folgt eine dramatische Szene, in der einer der Protagonisten tragisch ums Leben kommt. Nicht selten kommt es vor, dass solch mehr oder weniger unerwartete Ereignisse mit folgenden oder ähnlichen Worten kommentiert werden: „Das musste ja so kommen. Der Tod war doch absehbar“. Leider können wir nicht in der Zeit zurückreisen und vor dem Tod die Wahrscheinlichkeit seines Eintritts erfragen. Doch mit Sicherheit wären auch hier die Prognosen weniger gewiss gewesen.

Sonnen- und Schattenseiten

Der Rückschaufehler hat natürlich auch einen Selbstwert-fördernden Sinn. Unsere Welt erscheint dadurch weniger von Zufällen bestimmt, sondern kontrollierbarer und greifbarer. Wir haben das Gefühl, Geschehnisse aktiv erschließen und auch antizipieren zu können. Das Problem an ihm ist, dass er uns glauben lässt, bessere Prognostiker zu sein, als wir eigentlich sind. Eben diese Komplikation kann zu fatalen Konsequenzen führen, wenn ihm bestimmte Entscheidungsträger (zum Beispiel in der Politik) unterliegen.

Das Problem an dem Rückschaufehler ist, dass er hartnackig ist. Sehr sogar! Das Wissen um ihn macht nicht automatisch immun. Doch was kann man tun, um ihm entgegenzuwirken? Rolf Dobelli rät ihn seinem Buch „Die Kunst des klaren Denkens“ dazu, Tagebuch zu führen. Die eigenen Prognosen festzuhalten und im Nachhinein mit der tatsächlichen Entwicklung der Dinge abzugleichen. Zwar schütze diese Taktik nicht direkt vor der Verzerrung, doch sie schafft ein Bewusstsein dafür, wie stark man selbst betroffen ist.

Niemand ist gefeit

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Nach Rolf Dobelli konnten selbst die versiertesten Ökonomen die Weltwirtschaftskrise 2008 nicht genau vorhersehen. Logische Gründe für ihren Eintritt fand man im Nachhinein in Unmengen, doch ein Blick auf die Wirtschaftsprognosen aus dem Jahre 2007 zeigte, dass diese wider Erwartungen ziemlich positiv ausfielen. Hier wird auch nochmal klar, dass wirklich niemand dem Rückschaufehler nicht zum Opfer werden kann. Selbst Experten sind in ihrem eignen Fach betroffen.

Fazit

Der Rückschaufehler lässt uns also glauben, bessere Prognostiker zu sein, als wir eigentlich sind. Jeder Mensch ist davon betroffen. Das macht die Konsequenzen, die er in bestimmten Situationen zur Folge haben kann, nicht weniger dramatisch. Daher ist es wichtig zu wissen, dass wo ein „Ich hab’s schon immer gewusst“ fällt, der Rückschaufehler nicht weit weg ist.